Bemerkenswerte Beobachtungen bei der Aufzucht der Gekielten Moschusschildkröte (Sternotherus carinatus) (Gray, 1856)
Herbert Becker und Andreas Müller
Berichte über die Nachzucht der Gekielten Moschusschildkröte Kinosternon carinatum wurden im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahren vereinzelt veröffentlicht. Bei den Verfassern sind im September 1993 zwei Jungtiere im Aqua-Terrarium geschlüpft. Über die Aufzucht dieser Kinosternon carinatum über einen Zeitraum von 3 ½ Jahren wird berichtet. Der Bericht beschreibt die Gewichtsentwicklungen innerhalb dieses Zeitrahmens und die Verfasser machen Bemerkungen über Einzelhaltung und Winterschlaf .
Key words: Reptilia: Chelonia: Cryptodira: Kinosternidia : Kinosternum carinatum (Gray, 1856); Keeping.
1.Allgemeines
Weitreichende Untersuchungen der allgemeinen Biologie der Gattung Sternotherus (Tinkle 1958) und detaillierte Angaben über Freilandbeobachtungen von K. carinatum (Harles Morlock 1979 von verschiedenen Autoren: Moll Kap 16, Ewert Kap. 17 und Burry Kap 26) sind bekannt.
Die Verbreitung von K. carinatum wird mit Texas, Mississippi, Oklahoma, Arkansas und Luisiana angegeben (Conant 1958,1973, Nietzke 1969, 1973, Behler King 1979, Pritchard 1979, Obst 1985, Müller 1987, 1993). Da das Verbreitungsgebiet der Tiere sehr weit im Süden der USA liegt, muß man davon ausgehen, daß sie sehr wärmeliebend sind. Bedingt durch die jahreszeitliche Temperaturschwankungen in der Natur ist es zu empfehlen, den Tieren auch unter menschlicher Obhut diesen Rhythmus zu ermöglichen (Nietzke 1969).
Berichte über erfolgreiche Nachzuchten der früheren Gattung Sternotherus sind bisher von K. odorarum (Polder 1978, Hendrischk 1979, Budde 1982, Gad 1987), K. minor minor (Sachsse 1977, Zimmermann 1983, Rödel 1989) und K. carinatum (Becker 1992,1995, Baur 1995 ) bekannt.
An dieser Stelle soll über die Aufzucht von zwei K. carinatum über einen Zeitraum von dreieinhalb Jahren berichtet werden.
2. Jungtiere
Die hier beschriebenen Jungtiere wurden am 14.09.1993 bei einer Kontrolle des Aqua-Terrariums der Elterntiere auf dem Landteil sowie in einer Kunststoffpflanze oberhalb der Wasseroberfläche entdeckt (Becker 1995). Die Tiere wogen 3,4g und 3,5g und waren äußerlich gesund. Sie waren ein verkleinertes Abbild ihrer Eltern, einzig ihre Zeichnung ist intensiver (Abb.1).
3. Aufzucht innerhalb der ersten 24 Monate
Wir brachten die beiden Jungtiere in einem Aquarium mit den Maßen LBH 40x20x20 cm unter. Der Wasserstand betrug 6 cm, die Wassertemperatur tagsüber 27-29° C, nachts 22-24° C. Ein Punktstrahler (Osram Concentra 60W) ist auf einige Sandsteinplatten gerichtet, die so aufgeschichtet sind, daß die Tiere das Wasser verlassen können, um sich zu sonnen.
Als Futter boten wir den kleinen K. carinatum handelsübliches Pellettfutter (Penk, Rüsselsheim), rote Mückenlarven und ein Gelatinefutter an, dessen Grundrezept bei Müller (1987, 1993) erwähnt ist. Es enthält folgende pürrierten Bestandteile: Rinderherz, Hühnerherz, ganze Sardinen, Bananen, Äpfel, Spinat, gequollenen Reis, Tomaten, Eier mit Schalen, sowie Vitakalk, Tricrescovit, Vitamin D3 Pulver, DL-Tocopherol (Vitamin E) und ß-Carotin 10% iges Pulver.
Der Wasserstand wurde jeweils den wachsenden Schildkrötenbabys angepaßt, und monatlicch um circa 2 cm erhöht. Dabei achteten wir jedoch stets darauf, daß die Tiere die Wasseroberfläche leicht erreichen konnten.
Mit etwa 10 Monaten wurden die Tiere in ein Aquarrium mit den Maßen 80x30x35 cm übersiedelt. Der Wasserstand betrug nun 25 cm. Das Aquarrium war stark mit verschiedenen Wasserpflanzen bepflanzt, welche unsere Tiere innerhalb kurzer Zeit ausgruben. Diese wurden nun durch Schwimmpflanzen ersetzt. Steinaufbauten sowie eine Wurzel erleichterten es den K. carinatum, die Wasseroberfläche zu erreichen. Das Aquarium ist untergebracht in einem klimatisierten Raum, dessen Temperaturschwankungen jahreszeitlich bedingt etwa zwischen 23 und 25° C liegen. Dadurch, daß die Klimaanlage nachts ausgeschaltet wird, kommt es zu einer Temperaturabsenkung auf circa 17-19° C
Das Aquarium steht auf der Heizung am Fenster, sodaß die Tiere durch die unterschiedliche Lichtintensität sowie die Helligkeitsdauer einen jahreszeitlichen Rythmus hatten. Dieser wurde aber nicht durch die konstant das ganze Jahr gleichbleibene Temperatur, sondern durch die Lichverhältnisse geboten. Mit der Überführung in dieses Aquarium haben wir ausschließlich mit Pellettfutter gefüttert.
Die Tiere wuchsen gut und hatten nach 14 Monaten ein Gewicht von 24,6g und 23,0g. Um gesichterte Daten über den Wachstumsverlauf von K. carinatum zu erhalten, haben wir jetzt damit begonnen, die Tiere regelmäßig einmal im Monat zu wiegen.
Nach der Winterperiode 1994/95 ab Ende Februar 1995 konnten wir erstmals feststellen, daß eines der Tiere vom anderen verfolgt wurde. Aufgrund der erhobenen Wachstumsdaten konnten wir daraufhin feststellen, daß dieses Tier im Wachstum etwas zurückblieb. Im Mai 1995 konnten wir aufgrund der Schwanzlänge die Geschlechter unterscheiden. Das verfolgte Tier war eindeutig ein Weibchen, das agressive Tier eindeutig ein Männchen.
Um eine bessere Übersicht über den Wachstumsverlauf zu haben , wurde von uns auch der Faktor Gewicht Tier 2 (Männchen) geteilt durch Gewicht Tier1 (Weibchen) mit berücksichtigt. Während dieser bis Februar 1995 circa bei 1,07 lag, verschlechterte sich dieses Verhältnis zu ungunsten des Weibchens im Laufe des Früjahrs/Sommers bis auf 1,744. Daraufhin entschlossen wir uns, die Tiere zu trennen.
4. Isolierte Aufzucht der Jungtiere:
Das Weibchen wurde in ein Aquarium mit den Maßen 60x30x30 cm überführt. Die Einrichtung entspricht den obengenannten Aquarium.
In diesem Aqurium wurde es mit einer Kinosternon bauri Nachzucht 1993 vergesellschaftet, wobei es zu keinem Zeitpunkt zu Komplikationen kam.
Während die Gewichtsentwicklung des Männchens normal weiterging, normalisierte sich die Gewichtsentwicklung des Weibchen, nachdem der Streßfaktor ausgeschlossen wurde. Während des ersten Jahres der Separation blieb der Gewichtsfaktor gleich bzw. verbesserte sich leicht. Ab Sommer 1996 holte das Weibchen deutlich an Gewicht auf, sodaß der Faktor wieder bei 1,2 lag.
Obwohl die Temperatur im Raum, in dem die Aquarien stehen, das ganze Jahr relativ gleich bleibt, ist an der Gewichtstabelle ein deutlicher jahreszeitlicher Zyklus zu erkennen. Dabei ist zu ersehen, daß in den Monaten Dezember bis Februar eine deutliche Verlangsamung der Gewichtszunahme bis hin zur Gewichtsreduzierung stattfindet.
5. Wachstumsdaten:
| Datum | Weib | Mann | Faktor |
15.11.1994 |
23,00 |
24,60 |
1,069 |
15.12.1994 |
25,10 |
26,90 |
1,071 |
16.01.1995 |
28,30 |
30,10 |
1,064 |
15.02.1995 |
30,20 |
35,30 |
1,169 |
15.03.1995 |
31,90 |
42,60 |
1,335 |
14.04.1995 |
35,80 |
47,60 |
1,33 |
15.05.1995 |
40,40 |
55,80 |
1,338 |
16.06.1995 |
43,80 |
64,10 |
1,465 |
17.07.1995 |
46,10 |
71,30 |
1,547 |
15.08.1995 |
47,80 |
80,40 |
1,682 |
15.09.1995 |
50,80 |
88,60 |
1,744 |
15.10.1995 |
55,20 |
87,50 |
1,585 |
15.11.1995 |
55,20 |
91,50 |
1,658 |
15.12.1995 |
55,50 |
92,30 |
1,663 |
15.01.1996 |
58,70 |
89,10 |
1,5179 |
15.02.1996 |
58,90 |
89,30 |
1,516 |
15.03.1996 |
60,32 |
93,60 |
1,5517 |
15.04.1996 |
60,20 |
99,30 |
1,649 |
15.05.1996 |
68,00 |
108,80 |
1,6 |
17.06.1996 |
77,49 |
111,60 |
1,44 |
15.07.1996 |
87,74 |
116,50 |
1,328 |
15.08.1996 |
100,00 |
124,60 |
1,246 |
16.09.1996 |
108,90 |
130,00 |
1,194 |
15.10.1996 |
117,50 |
136,30 |
1,16 |
15.11.1996 |
121,60 |
136,70 |
1,124 |
13.12.1996 |
119,30 |
144,20 |
1,209 |
15.01.1997 |
119,80 |
141,20 |
1,178 |
14.02.1997 |
119,70 |
146,20 |
1,221 |
14.03.1997 |
127,60 |
153,30 |
1,201 |
Grafik:

6. Diskussion
6.1 Winterruhe:
Obwohl gleichbleibende Temperaturen in den Stellräumen der Aquarien das ganze Jahr über geherrscht haben, läßt sich an den Wachstumsdaten deutlich ein jahreszeitlicher Rhythmus ablesen. Bedingt durch die unterschiedliche Lichtintensität am Fensterstellplatz haben die Tiere den jahreszeitlichen Wechsel gespührt und nachvollzogen. Das Futterangebot blieb ebenfals das ganze Jahr gleich.
Nach den o.g. Daten sowie zahlreiche Erfahrungen sollte der Pfleger den Kinosternum carinatum eine Winterruhe bieten.
6.2 Isolierte Aufzucht:
Bei den hier untersuchten Tieren war eine isolierte Aufzucht ab der Geschlechtserkennung nötig. Durch die Anwesenheit des Männchens sowie dessen Verfolgungen, geriet das Weibchen so unter Streß, daß eine weitere Vergesellschaftung nicht mehr vertretbar gewesen wäre.
6.3 Isolierte Haltung von adulten K. carinatum:
Eine zumindest teilzeitige isolierte Haltung der adulten Tiere ist unserer Beobachtung nach erforderlich. Das ganzjährig paarungsbereite Männchen setzt das Weibchen so unter Streß, daß sie auf den Landteil flüchtet und dort einige Tage ausharrt. Bei längerer Gemeinschaftshaltung ohne zeitweilige Trennung kann es zu Gewichtsverlust des Weibchen mit gelegentlicher Apathie kommen. Dieses ändert sich bei einer Isolation relativ schnell. Beobachtungen von größeren Gruppen können hier nicht in die Beurteilung einfließen, da wir immer unsere Tiere im Geschlechterverhältnis 1:1 oder 1:2 hielten.
7. Abschließende Bemerkung:
Die Erfassung der Aufzuchtsdaten mußte am 17.03.1997 beendet werden, da aufgrund eines Unfalles das weibliche Tier ertrunken ist. Es hat sich bei der Nahrungssuche in ein in das Aquarium gefallenes Plastikteil verbissen. Beim Versuch, sich dieses wieder selbst zu entfernen, ist das Tier anscheinend in Panik geraten und ertrunken ( Bild x).